Der Placebo-Effekt – gesünder mit Zuckerpillen thinkstockphotos.com
Gesund mit Diehm

Der Placebo-Effekt – gesünder mit Zuckerpillen

Rate this item
(0 votes)
Schon wenn man glaubt, eine Tablette können helfen, passiert auch genau das. Selbst wenn die Pille nur aus Zucker ist. Das nennt man Placebo-Effekt. Informationen rund um den menschlichen Körper und die Public & Gesundheit – erklärt von Prof. Dr. Curt Diehm.
Mit Placebo bezeichnen wir in der Medizin ein sogenanntes Scheinmedikament, das keine pharmakologisch wirksamen Bestandteile enthält. In der Regel sieht es einem echten Medikament – zum Beispiele einer Tablette – zum Verwechseln ähnlich. Meistens handelt es sich um völlig harmlose Zuckerpillen, oder bei einer Infusion um eine reine Kochsalzlösung.

Dennoch können diese Placebos wie echte Medikamente wirken und Krankheitssymptome lindern. Das bezeichnet man dann als Placebo-Effekt. Doch wie entsteht dieser Effekt?

Studien belegen die Wirksamkeit

Über viele Jahre war man überzeugt, die Wirksamkeit beruhe einzig und allein auf der Einbildung des Patienten. Er fühlt sich besser, weil er denkt ein Medikament eingenommen zu haben. Inzwischen zeigen Studien jedoch, dass die Scheinmedikamente echte Reaktionen im Körper hervorrufen.

So fand man am Institut für Psychologische Medizin der LMU München heraus, dass es sich bei dem Placebo-Effekt um einen messbaren neurobiologischen Vorgang handelt. Bei Schmerzpatienten gelang beispielsweise der Nachweis, dass die Placebos unter bestimmten Bedingungen zu einer Ausschüttung von Endorphinen im zentralen Nervensystem führen. Die Forscher in München vermuten, dass bereits das Schlucken der Pillen bei den Patienten bestimmte Assoziationen auslösen. Diese resultieren in der Endorphin-Ausschüttung.

Es handelt sich also nicht nur um Einbildung. Die Placebos rufen tatsächlich eine Reaktion in unserem Körper hervor, die in ihrer positiven Wirkung den Schmerz lindert. Dem Patienten geht es besser.

Selbst bei Parkinson können Placebos helfen

An der kanadischen Universität Vancouver kam man jüngst zu einem ähnlichen Ergebnis. Dort erprobten die Wissenschaftler die Wirkung von Placebos bei Parkinson-Patienten. Sie versprachen ihnen, dass sich durch die Einnahme ihre Motorik – eines der Hauptprobleme bei Parkinson – deutlich verbessern würde. Anschließend verbesserte sich bei den Versuchspersonen tatsächlich deren Koordination. Wie die Wissenschaftler nachweisen konnten, schütteten nach der Einnahme bestimmte, an der Steuerung von Bewegungsvorgängen beteiligte Nervenzellen im Gehirn verstärkt Dopamin aus – genau den Botenstoff, an dem es bei Parkinson mangelt.
Auch hier konnte also eine direkte Reaktion im Körper nachgewiesen werden.

Mediziner sollten den Placebo-Effekt nutzen

Inzwischen laufen weltweit weitere Untersuchungen, in denen die Wirkung von Placebos auf die Organe, allen voran unser Herz und unseren Blutdruck getestet werden. Stellen Sie sich vor, der Nachweis würde gelingen, dass man mit Placebos den Blutdruck senken und damit einer unserer großen Zivilisationskrankheiten ihren Schrecken nehmen könnte. Erste Erfolge, die in diese Richtung deuten, gibt es bereits.

Immer wenn ich über diese Studien lese, dann wünsche ich mir, dass wir Mediziner den Placebo-Effekt viel intensiver nutzen. So könnten wir beispielsweise die Dosis von Medikamenten reduzieren – mit dem Resultat, dass Nebenwirkungen seltener oder schwächer auftreten. Manche Patienten könnten vielleicht sogar ganz auf ihre echten Medikamente verzichten.

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen setzen genau wie ich Placebos bereits gezielt ein. Ich hoffe, dass es noch deutlich mehr werden.

Der gegenteilige Effekt des Placebo-Effekts ist übrigens der Nocebo-Effekt. Man beobachtet ihn dann, wenn man davon überzeugt ist, dass sich ein Medikament oder eine Behandlung krank machend auswirkt. Nocebo ist lateinisch und bedeutet „ich werde schaden“. Ein Beispiel davon ist das Lesen von Beipackzetteln. Kaum haben wir eine Nebenwirkung im Beipackzettel gelesen, spüren wir genau das Problem am eigenen Körper. Das erinnert mich an einen Spruch von Mark Twain, der einmal sagte: „Lies keine Beipackzettel, du könntest an einem Druckfehler versterben.“

Über den Autor

Prof. Dr. med. Curt Diehm zählt zu den führenden Medizinern im Südwesten Deutschlands, er ist Autor zahlreicher Fach- und Patientenbücher und langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßmedizin. Seit Mitte 2014 leitet er als Ärztlicher Direktor die renommierte Max Grundig Klinik in Bühl. Alle Beiträge dieser Serie zum Nachlesen unter .

Hier finden Sie alle Beiträge der Serie Gesund mit Diehm
 

Die Redaktion empfiehlt

  • 1
  • 2
  • 3


publicatec.de blickt über das Krankenbett hinaus und berichtet nicht nur über Krankheiten und ihre Behandlung, sondern thematisiert genauso aktuelle Studien und Nachrichten aus den Bereichen Wellness und gesunde Ernährung. Regelmäßige Expertenbeiträge runden das unterhaltsame Public & Gesundheitsmagazin ab.